Lauterbrunnen-Tal: von Gletschern geschaffen

Senkrechte Felswände und darüber liebliche Terrassen, gerahmt von Schneebergen: Das Lauterbrunnental fasziniert Berg- und Extremsportler ebenso wie Geniesser. Gletscher haben diese Kulisse in Tausenden von Jahren gestaltet.

Es ist kalt. Eiskalt. Auch wenn die Sonne scheint. Eis bedeckt die gebirgige Landschaft und die V-förmigen Kerben, die Bäche früher ins Gestein gegraben haben. Auch dort, wo heute das Lauterbrunnental mit den Sonnenterrassen von Wengen und Mürren liegt. Nur die höchsten Gipfel ragen aus dem Eis heraus. Wir sind im Berner Oberland, vor 25’000 Jahren.

Eis und Geröll

Es herrscht Eiszeit. Alles ist festgefroren. Nichts scheint sich zu bewegen. Doch der Schein trügt. Unter ihrem gewaltigen Gewicht geraten die bis zu über 1000 Meter dicken Eismassen an den Hängen des Jungfraumassivs in Bewegung. Ihr Druck erwärmt die Gletscherunterseite, so dass das Eis auf dem Schmelzwasser zu gleiten beginnt. 20 bis 200 Meter pro Jahr legen die Gletscher zurück. Und transportieren dabei Unmengen von Geröll – von kleinen Kieseln bis hin zu riesigen Felsbrocken, den heutigen Findlingen.

Schieben, Schmirgeln und Schrammen

An der Unterseite der Eisflüsse klebt Geröll, das wie überdimensionales Schmirgelpapier wirkt. Die Millionen Tonnen schweren Gletscher hobeln Gestein vom Untergrund und von den Talflanken ab. Es ist ein dauerndes Reiben, Schieben, Schmirgeln und Schrammen. Eine gewaltige Kraft, die dem V-förmigen Tal ganz langsam eine neue Form aufzwingt. Ganz langsam, dafür umso nachhaltiger.

Talfräse aus der Eiszeit

Brutal wirkt der von der Jungfrau talwärts fliessende Gletscher vor allem in seiner Mitte. Sein enormes Gewicht fräst richtiggehend eine breite Nut in die Landschaft. Senkrechte, mehrere Hundert Meter hohe Felswände begrenzen auf beiden Seiten einen flachen Talboden. Aus der V-Form wird eine U-Form, aus dem Kerbtal ein Trogtal.

Deutlich geringer ist die Kraft des Eisstroms an seinen Rändern. Dort entstehen terrassenartige, sanft geneigte Plateaus, sogenannte Trogschultern, und oft auch Hohlkehlen, die den Höchststand des Gletschers markieren. Darüber steigen die Berge wieder steil an.

Wanderer, Wintersportler und Wingsuiter

Die Eismassen sind seit der letzten Eiszeit längst geschmolzen, zurückgeblieben ist eine Landschaft, die das Leben überhaupt erst möglich gemacht hat und wie es sie in Europa so kaum ein zweites Mal gibt. Das haben Urlauber aus der ganzen Welt entdeckt.

Spaziergänger nehmen die einfachen Wege um Mürren und Wengen herum. Wanderer streifen durch Wälder und über blumige Alpen. Berggänger wagen sich an steilere Passagen. Wintersportler schwingen auf Pisten und daneben die verschneiten Hänge hinunter. Basejumper und Wingsuiter stürzen sich von den Trogkanten ins Lauterbrunnental. Und stille Geniesser setzen sich ganz einfach auf eine Bank.

Allen gemeinsam ist die Begeisterung für eines der schönsten Trogtäler in den Alpen mit seinen 72 Wasserfällen. Auch sie eine Spätfolge der talbildenden Gletscher der letzten Eiszeit.