Das Gefühl von unendlicher Weite

Fatima Silva Dos Santos und Martin Fischer geniessen bei der Arbeit auf dem Jungfraujoch eine Aussicht, die ihresgleichen sucht. Sie während der Pausen, er von Berufes wegen.

Fatima Silva Dos Santos hat den Reissverschluss bis zur Nasenspitze hochgezogen und fröstelt auf dem Perron. Wenn sie morgens auf der Kleinen Scheidegg in den ersten Zug steigt, ist es noch kaum richtig hell und weit unter null Grad. Eine Handvoll Ausflügler unterhält sich lebhaft am anderen Ende des Abteils. Sonst ist sie allein.

 

Fatima arbeitet im Top of Europe Shop auf dem Jungfraujoch. Täglich fährt sie hinauf auf 3454 Meter. Sie mag die Frühschicht und die Fahrt in der ersten Bahn. Wenn sie dann ihr Gesicht der Fensterscheibe nähert und das Neonlicht mit der Hand abschirmt, verschwindet ihr Spiegelbild, und sie kann nach draussen sehen.

«Die Sicht auf dem Jungfraujoch nimmt mir manchmal fast den Atem.»

Mächtig und majestätisch

Gestochen scharf zeichnet sich die majestätische Alpenkette gegen den Morgenhimmel ab, der am Horizont noch immer rosa leuchtet. Fatima kann den Morgenstern erkennen, der bald der Sonne Platz machen wird. Dann verschwindet die Bahn im Tunnel – Zeit zum Dösen, bis der Zug nach gut sieben Kilometern auf dem Jungfraujoch ankommt.

Hin und wieder gönnt sich Fatima in einer Arbeitspause einen Blick aus dieser erhabenen Höhe in die Ferne. Nirgends ist die Luft so klar wie hier, und niemals sieht man weiter als an kalten Wintertagen. Sie lässt die schier unendliche Weite auf sich wirken. Sie mag dieses Gefühl.

Wetter-Aussichten

Auch Martin Fischer geniesst die Aussicht, allerdings von Berufs wegen. Der Betriebsleiter der Hochalpinen Forschungsstation Jungfraujoch meldet MeteoSchweiz, dem Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie, fünfmal täglich Sichtweite, Wolkentypen und -höhe oder mögliche Niederschläge. Seine Beobachtungen fliessen in die Wetterprognose ein.

«Ich geniesse die Ruhe beim Schneeschaufeln am frühen Morgen.»

Am besten im Winter

Auf dem Jungfraujoch sind die Bedingungen besonders günstig, um in die Weite zu sehen. Insbesondere im Spätherbst und Winter gibt deutlich weniger Schmutzpartikel, an denen Wassertröpfchen kondensieren und dadurch die Sicht trüben könnten. Die Luft ist dann besonders trocken, so dass man noch weiter sehen kann.

180 km Fernsicht

Bei Hochdruckwetter beispielsweise ist es auf dem Jungfraujoch strahlend schön und oft verhältnismässig mild, während im Tal unten die feuchte Luft hängen bleibt. Oder es fällt besonders saubere, trockene Luft aus der Stratosphäre aus rund 40 Kilometern Höhe bis auf das Niveau der Alpen herunter und sorgt für perfekte Fernsicht.

An solch schönen Tagen kann Martin Fischer bis zu den Vogesen sehen, die in einer Luftliniendistanz von 180 Kilometern liegen. Und Fatima Silva Dos Santos würde am liebsten oben bleiben, bis sich der Sternenhimmel über Eiger, Mönch und Jungfrau spannt.