Einmal Eigernordwand retour

Lange galt sie als unbezwingbar. Und auch nach der Erstdurchsteigung 1938 spielten sich an der Eigernordwand immer wieder Tragödien ab. Doch die Faszination bleibt und mit ihr der Wunsch vieler Alpinisten, einmal im Leben die berühmteste Nordwand der Alpen unter kundiger Führung zu bezwingen.

Schon über dreissig Mal hat Andreas Abegglen die «Wand der Wände» durchklettert und zählt damit zu den erfahrensten Bergführern am Eiger. An Anfragen, die geschichtsträchtige Tour zu machen, mangelt es ihm nicht. Die Faszination der majestätischen Nordwand hält bis heute an. Die Nähe zur Zivilisation und die gute Erreichbarkeit bewegen viele Bergsteiger dazu, das ambitionierte Unterfangen zu wagen.

«Ich habe grosse Ehrfurcht vor diesem majestätischen Berg.»

Training und Vertrauen sind ein Muss

Seine Kunden sucht sich Abegglen ganz genau aus. Mit jedem einzelnen macht er erst eine Vorbereitungstour, um zu eruieren, ob die technischen Fähigkeiten und die Kondition ausreichen. «In der Wand bin ich für meinen Kunden verantwortlich. Er muss mir vertrauen und ich muss die Sicherheit haben, dass er diese anstrengende Strecke bewältigen kann», erklärt der diplomierte Bergführer. Denn 1800 Höhenmeter auf einer Kletterdistanz von rund vier Kilometern mit diversen Wechseln zwischen Eisfeldern und blankem Felsen verlangen auch trainierten Gipfelstürmern einiges ab.

Am Anfang steht die Jungfraubahn

Mit seinen Kunden klettert Abegglen jeweils der Heckmair-Route entlang, benannt nach Anderl Heckmair, der 1938 die deutsch-österreichische Viererseilschaft bei der Erstdurchsteigung anführte. Verspricht die Wetterprognose mindestens drei Tage stabiles, schönes Wetter, fahren Bergführer und Kunde am Vorabend mit der Jungfraubahn hoch bis zur Station Eigergletscher. Hier übernachten sie, um dann nach Mitternacht in die Wand einzusteigen. Der frühe Start ist Pflicht, denn sie haben zehn Kletterstunden vor sich. Wer die Heckmair-Route mit Abegglen bewältigt, biwakiert höchstens einmal in der Wand. Rund die Hälfte seiner Kundschaft schafft die Tour sogar an einem Tag und ist dann zirka zwanzig Stunden unterwegs.

«Beim Biwak in der Eigernordwand mit Blick auf meine Heimat fühle ich mich geborgen.»

Hoch oben und doch so nah

Der erste Härtetest ist der «schwierige Riss», der Fels bietet da fast keine Griffflächen. Gibt es hier Schwierigkeiten, ist das ein Grund umzukehren. Denn weiter oben warten weitere Herausforderungen. Zum Beispiel die abweisende Bügeleisenwand, die nur mit Pickel und Steigeisen zu bewältigen ist, oder die Rampe zum Wasserfallkamin, die überhängend verläuft. Nerven wie Drahtseile brauchen die Alpinisten beim Götterquergang. «Diese Passage ist unheimlich ausgesetzt mit freiem Blick 400 Meter in die Tiefe.» Es gibt aber auch die ruhigen Momente in der Wand. Beispielsweise am Abend des ersten Tages beim Biwak auf einem kleinen Felsvorsprung. «Hoch oben sitze ich mitten in der Eigernordwand, blicke auf die vielen, kleinen Lichter in Grindelwald und ein Gefühl von Geborgenheit überkommt mich», schwärmt Abegglen.

Volle Konzentration bis zum Schluss

Oben auf dem Gipfel angekommen gratuliert Abegglen seinen Kunden jeweils zur aussergewöhnlichen Leistung. «Ich erinnere sie aber auch daran, dass sie sich jetzt noch voll auf den Abstieg konzentrieren müssen.» Der Weg über die Westflanke des Eigers wieder runter zur Station Eigergletscher ist technisch zwar weniger anspruchsvoll, dennoch ereignen sich Unfälle oft auf dem Rückweg einer Tour. Der Gipfel ist eben nicht das finale Ziel, sondern die unversehrte Rückkehr nach Hause.

Andreas Abegglen

Die Faszination für die Berge ist Andreas Abegglen, *1976, in die Wiege gelegt worden. In Grindelwald aufgewachsen, blickte er täglich zur Eigernordwand hoch. 1999 hat sie der gelernte Forstwart das erste Mal durchstiegen. Seit 2002 ist er vollberuflich diplomierter Bergführer.

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